Schiffbek - Vom Dorf vor den Toren zum Arbeiterquartier der Großstadt Hamburg
Bereits im Herbst 2002 erschien eine historisch-soziologische Arbeit von Ralph Ziegenbalg mit dem Titel:
Schiffbek - Vom Dorf vor den Toren zum Arbeiterquartier der Großstadt Hamburg.
Das etwa 200-Seiten starke, bebilderte Buch befasst sich mit diesem Stadtteil ab etwa 1850. 
Der in Billstedt ansässige Autor und Historiker greift u.a. seit 1919 als Quelle auf die Schiffbeker Zeitung (vormals seit 1903 Lokal-Anzeiger für Schiffbek) zurück, die 1928 als Billstedter Zeitung weiter erschien, bis sie 1938 eingestellt wurde (werden musste).
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Das sorgfältig recherchierte Buch ist in fünf Hauptkapitel gegliedert:
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I. Schiffbek in vormoderner Zeit
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II. Schiffbeks Weg in das Industriezeitalter
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III. Schiffbek im Ersten Weltkrieg
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IV. Die Jahre der Demokratie
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V. Billstedt unter dem Hakenkreuz
Erste Erwähnung fand Schiffbek Mitte des 19. Jahrhunderts als Dorf vor den Toren Hamburgs an der Landstraße nach Berlin. Die Bille mit ihren Auenlandschaften reizte später die Hamburger Kaufleute und Senatoren (z.Bsp. Joachim Caspar Voght) ihren Sommersitz entlang des Flusses zu errichten.
Das Glockenhaus der Malerinnung (Deutsches Maler- und Lackierermuseum) mit seinem Barockgärtchen (Billwärder Billdeich) lässt erahnen, wie vornehm es wohl in Billwärder zugegangen sein mag.
Die Bille brachte Schiffbek Ende des 19. Jahrhunderts den entscheidenden Standortvorteil, sich vom schwach besiedelten Dorf und Ausflugsziel zum Industriestandort zu entwickeln.
Zahlreiche große Betriebe siedelten sich an, die bis heute noch vielen Billstedtern in Erinnerung gebliebene „Jute“ (Norddeutsche Jute-Spinnerei und Weberei) ist nur einer von vielen.
Von nun an gab die Industrie den Takt vor, wie sich aus dem Gedicht über die Werkssirene erahnen lässt:
"Zuerst die Jute, ja Billstedts Jute,
Die mit Getute auf die Minute
Zehnmal des Tages die Zeit gibt an.
Man braucht kein Radio, braucht kein Chronometer,
Es horcht ein jeder - früher oder später,
Was in der Jute es geschlagen hat.
Wenn sie mal ruhte und nicht mehr tut'te,
Dann man nicht ruhte, bis das Getute
Von neuem laut tät fangen an!"
So berichtete der Schiffbeker Vogt J.F. Jenkel (ca. 1860): „Die Landwirtschaft ist ohne Bedeutung – enge Bebauung für Fabrikarbeiter der nahen Industrie nimmt zu.“
Die Bevölkerung wuchs in jenen Zeiten sprunghaft. Alleine die „Jute“ beschäftigte 1890 etwa 1150 Arbeiter. Die Zahl der Arbeitsimmigranten stieg eben-falls beträchtlich. Neben vielen Österreichern waren 1913 etwa 2000 Polen in Schiffbek gemeldet (etwa ein Fünftel der Bevölkerung), durch sie nahm die katholische Gemeinde auf etwa ein Drittel der Bevölkerung zu.
Rund drei Viertel waren ungelernte Fabrik- und Industriearbeiter mit 60 Stunden wöchentlicher Arbeitszeit.
Die mangelhaften Wohnverhältnisse und die schlechten sozialen Bedingungen führten dazu, dass sich die Arbeiterschaft stark solidarisierte. Der „Geselligkeitsklub Deutsch-Österreich" zum Beispiel war eine große Arbeitervereinigung im Ort. Wurden die Bedingungen in den Fabriken zu schlecht oder blieb die Arbeit aus, so wanderte ein Großteil vor allem der polnischen Arbeiterschaft weiter.
Auch den kulturellen Besonderheiten widmet der Autor seine Beachtung. Zu den ersten Gründungen eines reichen Vereinslebens gehörte die „Liedertafel Schiffbek“ (1873).
Als erster Sportverein folgte 1898 „TV Gut Heil Schiffbek-Steinbek“, 1913 gründete sich der „SC Vorwärts“ – der vor allem den Fußball als englischen Sport etablierte.
Die Zeiten des Ersten Weltkrieges wurden eingeleitet durch eine allgemeine und fast feierliche Kriegseuphorie, die schon bald ihr Ende in der katastrophalen Versorgungslage der Bevölkerung fand. Die staatliche Kriegswirtschaft konnte den Mangel an Nahrungsmitteln, Heizstoffen und allen Dingen des täglichen Bedarfs nicht auffangen.
Der Autor beschreibt eingehend, mit welchen oft skurrilen Mitteln Auswege aus der Misere gesucht wurden.
Auch an Arbeitskräften herrschte Mangel und so berichtete der „Lokal-Anzeiger“ verwundert, dass „auch in Schiffbek schon seit einiger Zeit eine Anzahl weiblicher Postboten tätig“ ist. Dieser kriegsbedingte Wandel im Umgang der Geschlechter griff auch auf den Bürgerverein Schiffbek über: Im Dezember 1919 nahm er sein erstes weibliches Mitglied auf!
Legendär ist der nach einer miserablen Kartoffelernte eingetretene „Steckrübenwinter“ 1916/17. „Immer wieder wurden lederne Treibriemen aus den Betrieben entwendet und für die Herstellung von Schuhsohlen zweckentfremdet“. Im April 1918 berichtete der Lokalanzeiger über einen „bandenmäßigen Fleischraub in Tiefstack, bei dem die mit Revolvern bewaffneten Täter in Richtung Schiffbek flohen“…
Nach Kriegsende über-nahm, wie schon zuvor in Kiel, Hamburg-Altona und anderen Orten, ein „Arbeiterrat“ die Geschicke der Gemeinde.
Jene Zeiten waren hart: Die Versorgungslage war erbärmlich, die Preise galoppierten davon und es herrschte akuter Wohnungsmangel – u.a. Ursache für die Besiedlung der Gartengemeinschaften „Rehkoppel“ und „Goldkoppel“.
Die folgenden Jahre mit hoher Arbeitslosigkeit und ihren Begleiterscheinungen führten be-sonders in Schiffbek zu einer Radikalisierung der Arbeiterschaft.
Nach langen Verhandlungen, die ihren Ursprung schon Jahrzehnte zuvor hatten, ging Schiffbek im Februar 1928, zusammen mit den beiden Nachbargemeinden Kirchsteinbek und Öjendorf in der neuen Kommune „Billstedt“ auf.
Der Name „Billstedt“ war ein Kompromiss: Nach den Bevölkerungsanteilen hätte es viel eher „Groß-Schiffbek“ heißen müssen. Das aber wollten die beiden anderen, wohlhabenden Gemeinden nicht zulassen…
Besonders die KPD versuchte die allgemeine politische Lage weiter zu destabilisieren und nur Zufälle machten aus der geplanten Revolte „Deutscher Oktober“ einen „Hamburger Auf-stand“, bei dem sich Schiffbek neben Barmbek und Eimsbüttel als ein Hauptschauplatz entwickelte. Aus jenen Zeiten werden Vorschläge kolportiert, die Hollestraße in „Marx-Engels-Straße“ und Billstedt in „Klein-Moskau“ umzubenennen.
Am 14. März 1933 jedoch berichtete die „Billstedter Zeitung“, dass die Nationalsozialisten in Verbindung mit den Deutschnationalen die Mehrheit der kommunalen Mandate errungen und die Kommunalpolitik der Reichspolitik gleichgeschaltet hätten. Der bisherige sozial-demokratische Gemeindevorsteher Heinrich Klink wurde geschasst und die Arbeit der kommunistischen und sozialdemokratischen Abgeordneten wurde mit fadenscheinigen Argumenten unterbunden.
Die Gleichschaltung er-fasste nahezu alle Billstedter Vereine und Kreise. Im April 1933 berichtete die „Billstedter Zeitung“ über die Einrichtung eines „Arbeitsdienst- und Konzentrationslagers“, dem Andersdenkende und politische Gegner zu-geführt werden.
In den folgenden Jahren werden die Autarkiebestrebungen und die Kriegsvorbereitungen der Nationalsozialisten auch in Billstedt u.a. durch Truppendurchmärsche, Einquartierungen, Verdunkelungsübungen und probeweisen Fliegeralarm spürbar.
Unter diesen Vorzeichen erfolgt am 1. April 1938 (informell schon mit dem „Groß-Hamburg-Gesetz von 1937) die Eingemeindung Billstedts in die Hansestadt Hamburg…
Der Autor beschließt hier seine Betrachtung. Wer seinen Ausführungen über etwa 200 Buchseiten gefolgt ist, wird randvoll gestopft sein mit einer Fülle von Einzelfakten und dem Gefühl, diesen Ortsteil wachsen ge-sehen zu haben.
Ein Autor, der sich heute daran machen würde, die Geschichte bis in die Jetztzeit abzuschließen, würde sich allerdings einer unübersichtlichen oder ganz ausgefallenen Quellenlage gegenübersehen. Oder kann sich etwa das Billstedter Wochenblatt noch zu einem solchen Füllhorn historischen Wissens mausern?
Zusammenfassung: Dieter Niedenführ
Schiffbek´s